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"Die Außenseite des Elementes"
Übergabe der Loseblattsammlung
von Thomas Girst und Jan Wagner
 

1078 Seiten Literatur und Kunst von über 200 Schriftstellerinnen und Künstlerinnen aus 31 Ländern. In den Jahren 1992-2001 gaben Thomas Girst und Jan Wagner gemeinsam die jeweils in Pappschachteln erscheinende Loseblattsammlung „Die Außenseite des Elementes“ heraus. Was in Hamburg begann, nahm später von New York und Berlin aus über ein Jahrzehnt Gestalt an. Das Projekt stand am Anfang zweier verschiedener künstlerischer Wege: Der Lyriker und Übersetzer Jan Wagner ist mittlerweile Büchner-Preisträger, Thomas Girst Leiter des weltweiten BMW Group Kulturengagement. „Ein Wunderkarton. Eine Fundgrube“ (SZ), eine „Besonderheit“ (FAZ), „erstklassig, international, mehrsprachig“ (taz), „eine neue Autorengeneration meldet sich zu Wort“ (Tagesspiegel) beschied die Presse damals dem Liebhaberprojekt. Am 24. November 2021, zwanzig Jahre nach dem Vorliegen der jüngsten Nummer, übergaben die Autoren jeweils ein Exemplar der insgesamt elf Ausgaben der Stiftung Lyrik Kabinett. Zum feierlichen Anlass hinzu kam die Illustratorin Sylvia Neuner (München), die in den Schachteln noch als Studierende an der Kunstakademie erste Arbeiten publizieren konnte. Die seltenen Materialien können nun in der Lyrik-Bibliothek von allen Interessierten eingesehen werden – als die weltweit einzige öffentlich zugängliche Sammlung aller Nummern.

Ästhetisch spielen die A4-Schachteln auf die Idee des „Readymades“ und insbesondere Marcel Duchamp an. Sie sind zugleich Objekt, Künstlerbuch und Zeitschrift. Der Titel „Die Außenseite des Elementes“ wiederum bezieht sich auf die Glasfertigung, wo mit diesem Begriff auf die Ausrichtung von einzusetzenden Glasscheiben hingewiesen wird. Etwas zugleich Fragiles und gezielt Unfertiges ist auch den Schachteln selbst zu eigen. Die Loseblattsammlung kommt ohne Seitenzählung aus, so dass der Leseprozess in den Vordergrund rückt: Lesende sind eingeladen, die Reihenfolge der Beiträge zu verändern, können sich den literarischen und künstlerischen Arbeiten auf Augenhöhe wie spielerisch nähern.

Die beiden Herausgeber zeigten sich mit ihrem „Non Profit Art Movement“ auch als aufmerksame Entdecker des Neuen, Unbekannten und Vielversprechenden. Die Schachteln enthalten frühe bis sehr frühe Texte etwa von Jan Brandt, Ursula Krechel und Björn Kuhligk, Thomas Pletzinger, Daniela Seel und Uljana Wolf. Leanne Shapton, Nicholas Kulish und Jacqueline Johnson publizierten hier ebenfalls erstmalig, Monika Aichele, Einad Pelat, Christoph Niemann und Charles Henri Ford steuerten regelmäßig Arbeiten bei.

Auffällig ist auch die durchgehende Internationalität der Beitragenden, die von zwei Schwerpunktausgaben zu niederländischer und zu persischer Dichtung unterstrichen wird. Neben Texten aus ganz Europa wie Nordamerika wurden stets in Original und Übersetzung Beiträge meist junger Autorinnen und Künstlerinnen aus Nigeria, Jamaika, Iran, Israel, Mexiko als auch aus Chile publiziert – sowie aus Haiti, Südafrika, China, Russland, Georgien und der Ukraine. Dabei wurde die „Aussenseite des Elementes“ gänzlich am etablierten Verlagswesen vorbei vertrieben und ganz im Sinne des „Non Profit Art Movement“ werbefrei und zum Selbstkostenpreis in einer Auflage von zuletzt 500 Exemplaren über Abonnements und ausgewählte Buchläden verkauft. Lesetourneen quer durch Deutschland sorgten als „Pflegeleichte Literaturausschreitungen“ mit performativem Charakter für entsprechende Aufmerksamkeit. Der Schachtel lag stets auch ein „Gimmick“ bei, eine limitierte Edition, wie sie etwa vom kolumbianischen Künstler Juan Manuel Echavarría, der Typosophic Society oder dem Afroamerikaner Sanford Biggers gestaltet wurde.

Bei der Übergabe dankte Holger Pils, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung, Wagner und Girst für ihre großzügige Schenkung: „Für unseren Bestand ist die ‚Außenseite des Elements‘ eine großartige Ergänzung, sie reiht sich in die Sammlung der Zeitschriften wie in die der Buchobjekte. Da sie in öffentlichen Bibliotheken praktisch nicht vorhanden ist, kann sie nun erstmals vor Ort von Forschenden genutzt und von Liebhabern gelesen werden.“ Langfristig solle die Sammlung durch das Lyrik Kabinett digitalisiert werden, so Pils. Er dankte neben Thomas Girst und Jan Wagner auch Ennio Cacciato für die Übergabe von Nr. 2 und Ron Winkler für die Dauerleihgabe von Nr. 9.

Jan Wagner, geboren 1971, studierte Anglistik in Hamburg, Dublin und Berlin. Für seine bislang acht Gedichtbände, von Probebohrung im Himmel (2001) zu Die Live Butterfly Show (2018) wurde er vielfacht ausgezeichnet, u.a. mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (2015) und dem Georg-Büchner-Preis (2017). Er lebt als freiberuflicher Autor, Übersetzer und Kritiker in Berlin.

Thomas Girst, geboren 1971, studierte Kunstgeschichte, Amerikanistik und Germanistik in Hamburg und New York und promovierte an der Universität Hamburg. Seit 2003 ist er Leiter des BMW Group Kulturengagement, 2016 erhielt er die Auszeichnung „European Cultural Manager of the Year“. Zu seinen Veröffentlichungen zählen The Duchamp Dictionary (2014) und Alle Zeit der Welt (2019). Er lebt in München.