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für die Tapferkeit vor dem Freund, /
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse /
und die Nichtachtung /
jeglichen Befehls.

(Ingeborg Bachmann)

Das Lyrische Quartett vom 18.7.2017

Mit Gast Durs Grünbein

Kurz vor der Sommerpause traf sich das Lyrische Quartett noch einmal, um in mittlerweile eingespielter, doch immer noch frischer Besetzung über drei aktuelle und einen vielleicht immer noch aktuellen Lyrikband zu diskutieren. Gast war diesmal der Georg-Büchner-Preisträger Durs Grünbein, der Ann Cottens Versepos Verbannt! (Suhrkamp 2016) ins Gespräch brachte. Dazu fasste er den Inhalt der in Spencer-Strophen verfassten Robinsonade pointiert und erhellend zusammen und schuf so die notwendige Grundlage, diese “Dampfmaschine” (Hubert Spiegel) von einem Langgedicht – das Florian Kessler begeistert als “herrlich hässlich, schmutzig und kaputt!” bezeichnete – eingehender zu analysieren. Während sich Kristina Maidt-Zinke an dem “Bruch mit der Versform” an vielen Stellen störte, goûtierte Grünbein eben diese Methode und die “Lust am Anachronismus”, welches ihm als das angemessene Werkzeug erschien, um Gegenwart zu beschreiben.

Anschließend stellte Florian Kessler Steffen Popps Gedichtband 118 (kookbooks) vor, der dieses Frühjahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Der Band (eine Art lyrisches Periodensystem) ersetzt die bekannten Elemente durch zehnzeilige Gedichte, welche mit Unterschriften wie z.B. „Sonne“, „Krautpflanze“ oder „Monster | Rendite“ versehen sind. Kessler sah in dem Band den Entwurf eines “idiosynkratischen, eigenen Universums”, in dem “jeder Zeilenumbruch eine Startrampe ins Unbekannte” darstellt. Dabei wird der Band (laut Hubert Spiegel) durchzogen vom “Mischungsverhältnis zwischen natürlichen und künstlichen Dingen”. Grünbein entdeckte relevant Zeitgeschichtliches, während Maidt-Zinke die Gedichte als “Kapseln” umschrieb, “mit denen man sich lange beschäftigen kann.”

Weiter ging es mit Nico Bleutges nachts leuchten die schiffe (C.H. Beck), einem Buch über “Licht und Meeresbeobachtung” (Grünbein), das, so Maidt-Zinke, “eine gewisse Helligkeit ausstrahlt”, für Florian Kessler aber mitunter Gefahr läuft, “zu hell” zu sein, wobei gleichwohl “von allen Seiten Gegenwart hereinbricht”. Hubert Spiegel, der den Band vorstellte, gefiel an dem Buch, dass es (anders als bei Cotten) “ohne Größenphantasien” daher käme und genau deshalb ebenso gelungen sei. Während Kessler bei Bleutge noch eine gewisse Sanftheit monierte, meinte Grünbein hinsichtlich Rolf Dieter Brinkmanns Westwärts 1&2: “Beim Wiederlesen ist alles da! Das ist der ganze G20-Wahnsinn. Sprachterror!” Der Haltbarkeitstest, dem das 1975 posthum erschienene Werk unterzogen wurde, offenbarte, dass für keinen Gesprächsteilnehmer ein Ablaufdatum in Sicht war.

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