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„An die Nachgeborenen“
Nach- und Neudichtungen im Rahmen des Lyrik-Workshops „Zilp-Zalp“ am Staffelsee-Gymnasium Murnau (März 2022)

Eine Gruppe von Schülerinnen und Schüler des Staffelseegymnasiums Murnau erarbeitet seit Jahren unseren Gedichtekalender Zilpzalp. Speziell für diese Gruppe gestaltete die Dichterin Andrea Heuser einen Workshop, in dem sich die Teilnehmenden eigentätig kreativ mit Gedichten auseinandergesetzt haben. Die Ergebnisse haben uns alle sehr beeindruckt. 

Andrea Heuser schreibt zu dem Workshop: "Krieg in Europa, Pandemie und Klimaprobleme, überforderte,überbelastete Eltern und Lehrkräfte - Jugendliche sind in dieser Zeit vielem ausgesetzt, was sich nicht so ohne Weiteres unter die normalen Alltagsthemen und -Sorgen von Heranwachsenden subsumieren lässt. Um dem Rechnung zu tragen, erschien es mir wichtig und sinnvoll, im Rahmen unserer Sitzungen mit den SchülerInnen einmal ausführlicher über das „Politische Gedicht“ zu sprechen: Wie greift es die brisanten Themen und Fragen unserer Zeit auf? Wie transformiert es sie künstlerisch in einer Weise, dass wir nachhaltig davon berührt und betroffen werden? Zudem wollte ich den Jugendlichen gerne ein Sprachrohr bieten, um diesen akuten Themen und dem, was sie in ihnen auslösen, poetisch Ausdruck zu verleihen. Das berühmte Gedicht „An die Nachgeborenen“ von Bertolt Brecht (veröffentlicht 1939) erschien den Schülerinnen und Schülern dabei erstaunlich aktuell. Denn sie sind ja die Nachgeborenen, an die sich Brecht richtet und zugleich sind sie diejenigen, die nun ihre eigenen Eltern und sich selbst dahingehend befragen, in welcher Welt sie heute leben und was sie wiederum ihren Kindern hinterlassen - in einer klimagebeutelten Welt, in der „ein Gespräch über Bäume“ schon wieder „fast ein Verbrechen ist, weil es das Schweigen über so viele Untaten mit einschließt“. Entstanden sind darüber behutsame oder harte, philosophische, hintersinnige, berührende Gedichte, die eines gemeinsam haben: ein sehr waches Bewusstsein der Schülerinnen und Schüler für ihre Welt und die Sprache, in der sie sie vermitteln. Dieses Projekt hat mir auch als Leiterin sehr viel gegeben – ich fühle mich beschenkt durch die wunderbaren dort entstandenen Werke und sage: Danke, ihr Nachgeborenen!"

Auch das Lyrik Kabinett sagt herzlich danke: Vor allem den jungen Dichterinnen und Dichtern für die Erlaubnis, ihre Gedichte veröffentlichen zu dürfen - der Projektleiterin Andrea Heuser für ihre so inspirierenden Impulse - und insbesondere Norbert Neumann vom Staffelsee-Gymnasium, der die Gruppe seit Jahren leitet.

Politische Gedichte
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An die ungeklärte Sinnlosigkeit

Auf die Welt kam ich zur Zeit der Ordnung,
Als da Zufriedenheit herrschte
Zu den glücklichen zählte ich mich
- zähle ich mich noch immer?
Aber wie kann ich zuschauen
während andere untergehn

Man muss nicht alles verstehen, heißt es
Aber wieso
kämpfen Menschen gegen
ihre eigenen Brüder und Schwestern
wieso
sinnloses Blutvergießen
wieso
Macht, ein einziger Mann, schickt
abertausende in die Schlacht
wieso
Menschheit vernichtet sich selbst, totale
Zerstörung, Atomwaffen
wieso? - Man muss nicht alles verstehen, heißt es

Auf die Welt kam ich zur Zeit der Ordnung
Als da Zufriedenheit herrschte
Zu den freien zählte ich mich
- zähle ich mich noch immer
Aber wie kann ich zuschauen
während andere untergehn

Auf die Welt kam ich zur Zeit der
trügerischen Ordnung
wieso?
                                                 Ursula Wölfl


An Dich

Vorsicht! Nicht werfen! Nicht fallen lassen!
Ich weiß, dass Menschenleben zerbrechlich ist,
aber wie kann ich es fangen, wenn es nicht in meine Richtung fällt?
Ich muss gestehen: Meine Sorgen von morgen drücken schwerer
Auf meine Brust, als die Zukunft dieser Unsichtbaren und
ich hoffe, Einsicht ist mein erster Schritt zur Besserung.

Meine sieben Jahre wollten ernst genommen werden, erwachsen sein.
Dann übernimm Verantwortung!
Wenn wir ehrlich sind, sind wir alle noch Kinder.
Kinder, die nicht ans Ziel gelangen, weil sie den Weg nicht sehen.

Ich träume von meiner Zukunft
Ich träume von Glück und Erfolg
Ich träume von meinem guten Leben
Ich träume meine Träume – Was träumst du?
Du träumst von einem Morgen
Du träumst von einem Sonnenstrahl
Du träumst von ein bisschen Stille
Du hast Angst vor deiner Einsamkeit – Was träume ich da nur?

Ich bin glücklich
                              und die Anderen?
Ich kann lachen
                              weißt du denn, dass die Anderen
                              mehr weinen können?
Ich fühle mich schlecht
                                            aber du kannst glücklich sein
                                            iss und trink du! Sei froh, dass du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken,
wenn mein Glas einem Verdurstenden fehlt?
               Und doch esse du trinke ich. Und gieße meine Blumen.

Ich frage dich, warum du mir nicht geholfen hast!
Ich frage dich, warum du nicht nachgedacht hast!
Ich frage dich, wann du es einsehen wirst!
Ich frage dich, wann du dich entschuldigen wirst!
Ich frage dich! Dich frage ich! DICH!
               sei ruhig meine Seele du musst leben.

                                                     Marlene Hartmann


An die Nachgeborenen

Wie kann eine Zeit, die keine andere je zu Gesicht bekam, behaupten sie sei finster?
Wie kann ein Leben, das kein anderes je zu fühlen vermochte, behaupten es sei arm?
Im Kerker der Umstände bin auch ich meiner Mitwelt Untertan,
Sklave einer Welt, die vom Krieg nur gelesen.
Und doch habe ich eine Meinung!

Wieso haben wir dem Schmerz, der Genuss erst ermöglicht, den Wert aberkannt?
Wieso den Tod, der den Moment bewahrt, zum Feind gemacht?
Im Joch dieser Krisen negiere auch ich die Chance höher zu fühlen,
Gefangen in einer Mentalität, die nur Beständigkeit kennt.
Und doch will ich mehr!

Wann werden wir Menschen, die wir schwarz-weiße Gedanken lieben, lernen mit Farbe zu malen?
Wann wird unser Denken, das sich im Extremen versteckt, bereit sein zu differenzieren?
Im Verlies des Verstandes keimt mit euch die Hoffnung uns zu entwachsen,
Die Eindrücke der Welt ohne Schema zu erfassen.
Und doch bin ich blind!

Heute folge ich vergangenen Erinnerungen und Gefühlen,
Will mich nicht mehr von ihnen abwenden,
Will mich nicht mehr von mir abwenden

                                                        Oskar Mankau


An den Zufall

Wie es der Zufall wollte
War ich nicht da, als der Krieg ausbrach
Als Hitler den Angriff auf Polen befahl
Wie es der Zufall wollte
Sah ich weder die Vernichtung so vieler
Noch war ich einer von ihnen
Zufällig blieb ich verschont

Wie es der Zufall will
Lebe ich weder in Syrien, Ukraine oder Israel
Bin nicht verfolgt durch Religion, Herkunft oder Geschlecht
Wie es der Zufall will,
Bin ich verschont von Armut oder Hungersnot
Ich lebe in einer noch heilen Welt
Zufällig bin ich verschont

Wie es der Zufall wollen wird
Werde ich verschont bleiben oder nicht
Wird es mich treffen oder die anderen
Wie es der Zufall wollen wird
Werde ich leben oder sterben
Wird um mich Frieden sein oder Gewalt
Zufällig bleib ich verschont

Egal ob Zufall oder nicht
Ob es war, ist oder wird: es betrifft immer mich
Es liegt an mir zu schweigen oder nicht
Egal ob Zufall oder nicht
Es gibt genug, was mich betrifft
Mein Glück, das kann vorübergehen
Zufällig sei es bei mir

Du, Zufall definierst mich nicht
Die Zeit zu handeln ist mein Jetzt
Die Zeit zu schweigen, gibt es nie
Du, Zufall definierst mich nicht
Selbst wenn ich nichts zu kämpfen hab
So kämpfe ich für die Ewigkeit
Denn zufällig geschieht nichts

                              Katharina Henckel


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WEITERE GEDICHTE (KÜR)
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Auf meiner Wiese
stehen schwarze Blumen

An meinem Baum
blühen schwarze Blüten

Auf meiner Mauer
kriecht schwarzer Efeu

Aus meiner Erde
stoßen schwarze Triebe

Aus meiner Quelle
dringt schwarzes Wasser

Oh, ewiger Garten der Nacht
leuchtest dennoch
weil der Mond
über dich wacht

                           Ursula Wölfl

Fragmente

Im Lichte des Mondes verblassen die Sorgen,
Verschatten Momente von seligem Glück.
Im eigenen Geiste vermeintlich geborgen,
Kehrt weisende Wahrheit wohl niemals zurück

Wirrwandelt das Wesen vergangener Jahre,
Im geistigen Garten, vergraben, erstickt.
Keimt Hoffnung zu fassen das ruhende Wahre,
die Wurzel zu bergen, den Spross erst erblickt.

Wildworrene Fäden verdorbener Bilder,
Lebendig begraben, von Neuen entthront.
Wenn stilles Entschwinden ist heilsamer, milder,
so hab ich vergessen welch Wissen sich lohnt

                                              Oskar Mankau


ein Lachen steigt in mir auf
es muss raus, es muss raus
meine Knie zittern. Kälte. Adrenalin.
meine Brust wird weit,
das Lachen will raus.
schnappe nach Luft. Keuche

ich fühle mich so echt in der Dunkelheit
ich liege auf kaltem Teer
und die Sterne funkeln
hinter meinen Augenlidern
eine bunte Welt.

und ich liege hier,
gebunden an diese Erde,
frei in den Sphären dieser Welt. 

                                    Marlene Hartmann


Bleiben?

Hinaus aus der Stadt zu verführender Sicht
U-Bahn und Bahnhof 12:32
Landschaft bewegt am Fenster im Mittagslicht
glitzern blau See und Berg doppelgleisig

Sonne im März im Süden über Mörikes Band,
verträumend mein Blick im Blauen
ziehen mich Arbeit und Freude ins Land
zu hoffen, wünschen und schauen.

Jetzt bleiben nach Einfahrt am Fuße der Berge?
Welch´ verlockende Märchenidee!
Doch nachdem sie gegraben nach Golderz die Zwerge
bleibt nur die Fahrt in die Stadt und adé.

                                                              N.N.
 

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