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schade seine arme waren zu kurz, sie reichten nicht ganz / 
bis zu den händen

(Lutz Seiler)
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren

Die Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012

Braun_Michael © Michael Braun

Derek Walcott:
Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

In seinem monumentalen Versepos Omeros (1995) verherrlichte der karibische Dichter Derek Walcott die Seeschwalbe als kosmopolitischen Lotsen der Lüfte. In seinem meisterlichen Gedichtbuch Weiße Reiher (2012) ist es nun die Eleganz der Schreitvögel, die für den Dichter zum Inbegriff der "stolzierenden Vollkommenheit" werden. In 54 Gedichten erkundet Walcott in bewegenden elegischen Versen seine Lebensspuren zwischen der Karibik, Europa und Amerika. Die "weißen Reiher" verkörpern dabei die Natur wie die Dichtung, sie stehen für Leben und für Tod, und ihr Weiß trägt alles in sich: das Weiß des "Seeigelbarts" des Dichters, das Weiß des Papiers, auf dem der Dichter schreibt, und die schaumige Brandung. Es ist ein Buch der Schöpfungsgeschichte und zugleich ein Requiem, Landschaftshymnus wie Großstadtpoem. (Michael Braun)

Detering_Heinrich © Isolde Ohlbaum

Wolfgang Bächler:
Gesammelte Gedichte. Hg. von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.

Gegen Depressionen und Angstzustände schrieb er lebenslang an, mit wechselndem Er-folg. Zwischen starken Versen und gescheiterten Anläufen schwankt die Hinterlassenschaft des Außenseiters und Einzelgängers Wolfgang Bächler. Dem 2007 Gestorbenen ist nun posthum eine schöne Gesamtausgabe gewidmet. Sie zeigt Glanz und Elend eines Poeten, dessen Wunden aus der Kriegs- und der Nachkriegszeit nie verheilen wollten. (Und wer Einfälle formulieren konnte wie den, dass einem Van Gogh "sein Ohr leiht", der war ein Poet.) (Heinrich Detering)

Gazzetti_Maria © Isolde Ohlbaum

Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.

Felix Philipp Ingold hat über 100 russische Lyriker versammelt und zum Teil zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt – Klassiker und noch unentdeckte Lyriker, von denen jeweils 1 Gedicht exemplarisch ausgesucht wurde, mit erhellenden Informationen dazu. Man schlägt das Buch auf und liest und liest. Auch ohne die Kenntnisse der russischen Spra-che spürt man, dass die Übersetzungskunst von Ingold hier ihre schöpferischste, höchste und liebevollste Stufe erreicht hat. Dieses Buch ist kühn und originell arrangiert, es ist ein grandioser Liebesgruß aus der Welt der Lyrik an all diejenigen, die Lyrik lieben oder sie zu lieben anfangen könnten. (Maria Gazzetti)

Haeusgen_Ursula © Cornelia Klöss

István Géher (1940 – 2012):
In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.

Das schmale Bändchen enthält zwölf von zweiundfünfzig Gedichten (zweisprachig) aus dem 2002 erschienenen BandEsztendök éve – Das Jahr der Jahre. Das Original-Buch enthält so viele Gedichte wie das Jahr Wochen, und der Autor zeichnet das Vergehen des Jahres von Woche zu Woche auf und erinnert sich dabei jeweils an frühere Jahre, so dass diese Gedichtfolge der Vers-Kalender seines Lebens ist, und wenn wir das Buch zumachen, ist es, als ob wir ein Epos durchwandert hätten. Wie Fotografien rufen die einzelnen Gedichte Stimmungen und Ereignisse wach und blicken auf ein Menschenleben zurück, in der Hoffnung – die zugleich eine Not ist – es zu erfassen. István Géher ist ein wunderbarer Dichter, der hierzulande noch zu entdecken ist. (Ursula Haeusgen)

Hartung_Harald © Isolde Ohlbaum

Derek Walcott:
Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Der achtzigjährige Derek Walcott, der große karibische Dichter und Nobelpreisträger des Jahres 1992 hat in den 54 Gedichten des Bandes Weiße Reiher (White Egrets) ein Werk von großer Souveränität und Leuchtkraft geschaffen. Die Verluste des Alters erscheinen im Licht einer unverlorenen Schöpfung. Werner von Koppenfels hat Walcotts gebrochenen und spannungsreichen Ton kongenial ins Deutsche gebracht. Besonders zu loben: Die Ausgabe ist zweisprachig! (Harald Hartung)

Kessler_Florian © Juliane Henrich

Bertram Reinecke:
Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.

Stil ist hier, keinen Stil zu haben. Der Leipziger Verleger und Essayist Bertram Reinecke, Jahrgang 1974, fahndet seit Jahren nach den Innovationsansprüchen derzeitiger Lyrik. Seine "Schlüssel für die hochdeutsche Sprachkunst" sind nicht eigens von ihm erfunden, sondern bei anderen Dichtern aufgefunden und immer wieder anders montiert. Das ist durchaus als Anschlag auf jede Vorstellung vom eigenen Dichterton zu lesen – und eine wimmelnde Multitude poetischer Möglichkeiten in einem einzigen Stück Poesie. (Florian Kessler)

Krueger_Michael © Isolde Ohlbaum

Adam Zagajewski:
Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.

Adam Zagajewski vereinigt all das, was wir an der polnischen Lyrik so lieben: Ironie und Selbstironie, einen melancholischen Blick auf die Welt, einen Sinn für Geschichte und ein waches Auge für die Gegenwart, kurzum: Er ist der würdige Nachfolger von Zbigniew Herbert und Wislawa Szymborska. (Michael Krüger)

Maidt-Zinke_Kristina © Kristina Maidt-Zinke

Derek Walcott:
Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Derek Walcotts Weiße Reiher überfliegen die Alte und die Neue Welt, sie transportieren Traumfragmente, Reise- und Liebeserinnerungen aus einem sinnlich gesättigten Leben in poetischen Bildern von großer Eindringlichkeit und Originalität. Die ewige Bewegung des Meeres wird in diesen Gedichten hörbar, die Musik von Großstadt und Natur, aber auch der Gedanken-Sound eines eigenwilligen Geistes, der die Wirren der karibischen Kolonialgeschichte ebenso in sich trägt wie die klarsichtige Affinität zur westlichen Kultur und die ironische Melancholie des nahen Abschieds. Ein vibrierend vitales Spätwerk, für dessen unverwechselbaren Ton der Übersetzer Werner von Koppenfels das deutsche Äquivalent gefunden hat. Die zweisprachige Ausgabe ist ein Juwel unter den lyrischen Neuerscheinungen des Jahres 2012. (Kristina Maidt-Zinke)

Rinck_Monika © Ute Rinck

Kerstin Preiwuss:
Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.

Rede ist ein Langgedicht, das zu einzigartig ist, um Vorbild zu sein für andere Langgedichte. Es ist gut, dass es ein Langgedicht ist, denn es benötigt sehr viel Raum und nutzt ihn. Man ist dankbar für die Distanz, die seine Einzelteile darin untereinander austauschen können. Aber niemals verlieren sie den Kontakt zueinander ganz. Auch kommunizieren seine Strophen, seine Zeilen sowie seine Umbrüche in alle Richtungen. Das Langgedicht Rede ist ein trauriger Text, der von seinem wie kreisenden Anfang an mit einer verstörenden, leicht irren Komik begabt ist. Ich finde weder verschämte noch auftrumpfende Reime, sondern heftende Reime: Gleichklang als leisen Trost. Formal verbirgt sich Komplexität in Leichtgesagtem, wobei das Leichte wie in einer Kür dasjenige ist, das am schwersten zu erringen ist. (Monika Rinck)

Strigl_Daniela © ORF

Roberta Dapunt:
Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.

Die (nicht nur auf Ladinisch) klangvollen Gedichte rund um die Schlachtung eines Schweins beeindrucken durch ihre schlichte Beschreibungskunst, den Verzicht auf symbolische Aufladung, Bauernhofnostalgie und "Tierethik"-Routine. Auf eng begrenztem Raum, sich vertiefend, ein eng begrenztes Thema: Nachdenken über den Tod und das Töten - und das Essen. "Nauz" heißt Futtertrog. (Daniela Strigl)

Wagner_Jan © Isolde Ohlbaum

Ezra Pound:
Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.


So umstritten ihr Autor war, verehrt von den einen, gehasst von anderen, so unbestritten ist, dass das Haupt- und Lebenswerk Ezra Pounds, die Cantos, zu den bleibenden Schöpfungen der Moderne zählt: gewaltig, welt- und zeitenumspannend, schwierig, vielsprachig und vielschichtig und im Laufe vieler Jahrzehnte entstanden. Ebenso lange und beständig hat die Übersetzerin Eva Hesse sich mit diesem komplexen und grundlegenden Werk beschäftigt und versucht, eine deutsche Entsprechung zu finden; das Ergebnis liegt nun erstmals lückenlos und in einer wunderbar gestalteten, dazu zweisprachigen und kommentierten Ausgabe vor, die jede Lyrikbibliothek zieren würde, vielleicht zieren sollte. (Jan Wagner)