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Lust auf Lyrik

Begeisterung für Poesie bei Schulklassen? Wie das möglich ist, zeigt seit fünfzehn Jahren das Modellprojekt „Lust auf Lyrik“: In einer von Lyrikern betreuten Werkstatt erkunden Schülerinnen und Schüler spielerisch die Faszinationen eigenen poetischen Schreibens und lassen Vorurteile gegenüber Gedichten gar nicht erst entstehen. Die Ergebnisse ihres lustvollen Umgang mit der Poesie stellen sie dann dem Publikum vor: Mit Aneignungen, Rezitationen, Collagen, Übersetzungen und freien eigenen Kompositionen, z. T. auch in Verbindung mit Bildern oder Musik.

„Lust auf Lyrik“ bewirkt bei den Schülern eine Sensibilisierung für Sprache und ihre sozialen wie individuell-expressiven Potentiale: Es fördert Selbstvertrauen, Experimentierfreude und Kreativität im Umgang mit Sprache. Es ermöglicht eine schöpferische Verarbeitung von Konflikten oder die Bewältigung existentieller Ängste, zum Beispiel vor Krieg, ökologischer Zerstörung oder Einsamkeit. Zugleich lernen alle Teilnehmer durch Gedichte und ihre Übersetzung, andere Sprachen und Kulturen wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Es bestehen verschiedene „Lust auf Lyrik“-Module:


Außerdem bieten wir für alle Interessierten Führungen durch unsere Bibliothek an.

„Lust auf Lyrik“ wurde mehrfach (bzw. wird aktuell) unterstützt vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, der Waldemar Bonsels Stiftung, der Landeshauptstadt München, anderen Institutionen und engagierten privaten Förderern. Wir danken allen Unterstützern herzlich!

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Aktuelles

Gedichte der Schülerinnen und Schüler der Klasse 8 lila (Deutsch-Förder-Klasse) der Wilhelm-Busch-Realschule

Projektleitung: Karin Fellner; Klassleitung: Ahu Bozkurt

Die Heimat spricht

Über meine Schönheit will ich sprechen
und von meiner Einsamkeit möchte ich erzählen.

Früher war ich die Schönste auf der ganzen Welt
und jetzt habe ich meine Schönheit verloren.

Die Bösen haben meine Kinder gezwungen,
mich zu zerstören.

Früher haben mich alle besucht
und jetzt klopft keiner an meine Türen.

 Ich habe in meinen vergangenen Jahren viel durchgemacht.
Und ich werde niemals aufgeben.

(Kousar A.)

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Ich bin ein See

Ich bin ein See, ein See,
in dem sich Engelstränen gesammelt haben.

Ich fühle ihre Trauer und Einsamkeit, ihren Schmerz.
Ich fühle sie, aber ich kann nichts tun.

 Wenn Winter ist, leide ich unter der gefühllosen Kälte.
Wenn der Sommer kommt, glänze ich und fühle die Wärme.

Aber tief in mir ist es kalt
Und das ist der dunkle Schmerz von mir und meinen Freunden vom Himmel.

(Nađa B.)


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Die Leidenschaft, die Liebe
für das Handeln, die Liebe
für das Leben

Ich kämpfe stark
ich falle nicht
ich mache weiter
lebe das Leben mit Leidenschaft
mit Liebe

Ich komme langsam zu meinen Träumen.
Ich falle nicht. 

(Lilian B.)

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Heimat

Heimat ist ein süßes Fruchtbündel:
               Lass es mich täglich pflücken und danach klettern!

Heimat ist der Weg zur Schule
               unter dem Dach der Bäume, die ihn beschatten.

Heimat ist der blaue Drache,
               der in der Kindheit über das Feld fliegt.

Heimat ist ein kleines Boot,
               das sanft am Fluss entlang rudert.

Jede Heimat ist nur eine:
                genau wie eine Mutter.

Wer sich nicht an die Heimat erinnert,
                wird nie erwachsen werden.

(Minh D. T. D.)

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Angst

Angst ist Maus im Loch, ängstlich, rauszukommen.
Ängstlich, dass jemand sie sieht.
Alles in diesem Loch riecht nach Schmerz.
Der Schmerz will gefühlt werden.

Maus, Maus ist allein im Loch.
Das Loch ist von kirschroten und himmelvioletten Farben. 

Alles wäre besser, wenn Maus einen Freund hätte.
Ein Freund, der mit Maus Schmerz zusammen atmet.
Ein Freund, der mit Maus die starken Farben der Angst sehen kann. 

(Vera I.)

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Was brauchst du?

Einen ruhigen Tag, um alles zu vergessen.

Welche Schwierigkeiten im Leben sind:
alles zu vergessen.

Was man hat                    was man nicht hat:
alles zu vergessen.

Wie bin ich          wie sehe ich aus               wie lebe ich:
alles zu vergessen.

Was sind Schmerzen                      was sind Schwierigkeiten
was ist Unbehagen                         was ist Weinen:
alles zu vergessen

alles zu vergessen.

(Homeira J.)

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Was brauchst du? 

Ein Leben ohne Ende, eine Familie ohne Feinde?
Krankheit, Probleme sind nicht meine Freunde!
Singen, tanzen, essen will ich mein ganzes Leben!

Eine Welt ohne Schmerzen, Leiden, Krieg und Rassisten
ist wie ein Baby, das nicht weint und schreit die ganze Nacht.

Brauche ich ein Haus, das kaputt gehen wird?
Eine Frau, die nicht loyal sein wird?
Oder einen Freund, der falsch ist?

Ich brauche das, ich brauche das auch,
ohh ich brauche noch mehr!

Ich bin ein Mensch und Menschen werden niemals zufrieden sein!
Wie ein Grab, das niemals voll ist.

Ich weiß nicht, was ich brauche.
Gott, bitte sag mir, was ich brauche.

(Charles K.)

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Ich bin der Regentropfen

Ich bin der Regentropfen.
Ich falle langsam und beobachte dich.
Aber ich wähle meine Richtung nicht,
der Wind trägt mich und ich kann nicht „Halt“ sagen –
               genau, wie diese lustige Welt dich trägt
               und du weißt nicht, wie du die Kontrolle übernimmst.

Ich falle auf dein Fenster und rutsche auf das Glas.
Ich sehe dich so nachdenklich und beobachte deine Tränen.
Die sehen aus wie ich, aber ich bin glücklich und
in deinen Augen ist Traurigkeit. 

Du siehst in den Regen.
Hat der Regen dich traurig gemacht?
Habe ich? 

Ich bin der Regentropfen.
Während du mich ansiehst, fühlst du dich melancholisch,
und immer mehr lustige Regentropfen fallen aus deinen Augen.
Habe ich dich unglücklich gemacht?

Ich sehe dich nicht mehr.
Mein Leben wird noch ein bisschen dauern,
bis ich auf den Boden falle und verschwinde.

Das Letzte, was ich sehe, ist ein kleines Mädchen
in einem roten Mantel und mit einem gelben Schirm.
Sie tanzt im Regen, so glücklich, lächelnd.

Mir ist jetzt klar, dass ich nichts getan habe.
Nicht der Regen bringt die Gefühle,
Gefühle entstehen in Menschen.

(Sumeja K.)

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Heimat

Heimat sieht aus wie eine Figur,
die dich an die Kindheit erinnert,
und damit an die schönste Zeit deines Lebens.

Heimat riecht nach selbstgekochtem Essen von Mom,
nach einem Feld voller Narzissen, einem bekannten Parfüm. 

Heimat hört sich an wie eine Familie,
die bei normalen Sachen
ohne Grund lachen kann.

(Sina M. R.)

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Träume

Träume sind wie ein kleiner Fuchs,
der kommt, um dich nachts in deinem Garten
zu begrüßen.

Er wartet,
bis du ihm folgen willst,
in den geheimnisvollen Wald.

Der Wald ist voller verschiedener Wege und Kurven,
voller Überraschungen.

Er rettet dich vor dem Monster,
das „Realität“ heißt.

(Darshita N.)

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Leben, Tod

Der Tod kommt irgendwann –
wann, können wir nicht entscheiden.

Das Leben ist nicht unendlich, natürlich ist es endlich.

Es ist wie ein Buch:
                              Wie du lebst, schreibst du auch ins Buch.

 So verbring deine Zeit möglichst gut!
                              Denn am Ende,
                              wenn du das Buch liest und umblätterst,
                              dann musst du auch zufrieden sein.

(Arash N.)

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Zuerst wäre ich …

Zuerst wäre ich Wasser gewesen, wie ein Fötus.

Dann wäre ich ein See gewesen, wie ein kleines Kind.

Und dann wäre ich zu einem Golfstrom geworden, wie ein junger Mann.

Und ich hätte daraus einen Ozean gemacht, wie ein alter Mann.

Und am Ende hätte ich mich zu einem Wasserfall verwandelt
wie ein sterbender Mensch.

(Amir N. S.)

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Rache

Nach langer Zeit aufgewacht ist sie,
aufgewacht, als ob sie jemanden töten will.

Ihre Gedanken werden größer und schrecklicher
und das Leben zerstört sie
mit ihrem schwarzen und kaputten Herz.

In der Dunkelheit rächt sie sich
an den Menschen, die sie verletzt haben,

und schnell beginnt sie,
ihre Pläne zu verwirklichen.

Es wird laut.
Sie hat begonnen.
Hat es niemand bemerkt?

(Viktoria V.)

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Was brauchst du?

Brauchst du ein Hamsterrad in deinem Leben?

Brauchst du jemanden, der dir die ganze Zeit befiehlt?

Oder brauchst du einfach
Ruhe
und
Freiheit?

(Karlo V.)

Fotos: Christina Winkler; Helferkreis Flüchtlinge & Integration Pullach

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