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Blaueuleleid

Gedichte aus der Bukowina.
Gelesen von Franziska Bronnen

Czernowitz, Hauptstadt des k.u.k.-Kronlandes Bukowina, „die Stadt, in der die Bürgersteige mit Rosenbüschen gefegt wurden und die Kutscher Hölderlin aufsagten“, war die Heimat bedeutender Schriftsteller deutscher und jiddischer Sprache: Rose Ausländer, Paul Celan, Itzik Manger, Elieser Steinbarg, Selma Meerbaum-Eisinger und Gregor von Rezzori sind wohl die bekanntesten. Durch sie ist Czernowitz ein literarischer Mythos geworden. 

Der Rimbaud Verlag widmet sich seit mehreren Jahrzehnten konsequent diesem ungeheuer reichen Kulturraum, in der Reihe Texte aus der Bukowina bzw. jetzt Bukowiner Literaturlandschaften. Die Dr. Bernhard Albers & Dr. Reinhard Kiefer Stiftung ist als gemeinnützig anerkannt und bemüht sich, das Gedicht durch Lesungen bekannter zu machen.

Schwerpunkt der Lesung dieses Abends sind Ausschnitte aus dem reichen lyrischen Werk dieser Gegend, ergänzt durch einige Prosatexte. Erzählt wird vom Zusammenleben verschiedener Völker, Sprachen und Religionen in dieser Stadt, aus der Weltliteratur hervorging.

Es liest die Schaupielerin Franziska Bronnen.

Blaueule Leid

Hörst du die Blaueule schrein?

Morgens ist es ein Lied,
mittags ein Ruf,
abends ein Schrei.

Aber nachts,
nachts - dieses Schweigen,
wenn ihr Blau sich wandelt in Grau
und ihr Grau in Silber,
ins Silber des kollernden Monds,
in das Silber der Stille,
das uns hinabzieht
ins Spiel mit den Schatten,
ins Spiel mit dem Wurm.

Meine Blaueule
mit dem Auge Himmelwärts,
mit dem Schnabel Grufthinab,
hält einen Ball in den Fängen,
der hiess einmal Mond
und ist jetzt erkaltet.
Er hörte die Blaueule schrein,
als das Rot sich verzog,
das mein Blut war.

In Dornen verfing sich der Ball,
und er blutet.
Und hatte Augen,
zu spähn durch das Dunkel,
durchs Fensterdunkel
in Leere und Wahn,
dahinter die Eule dich äfft,
die blaue, die graue,
von Silber umwoben,
mit dem Auge Himmelwärts,
mit dem Schnabel Grufthinab,
ihrem Lied,
ihrem Ruf,
ihrem Schrei.

Und sie weiss, dass du kommst,
gehüpft und gehinkt und gehumpelt,
zum Spiel mit den Schatten,
zum Spiel mit dem Wurm,
im Silber der Nacht,
die hinter der Nacht ist,
in die ihr Schweigen dich zieht.

13. Juni 1971

Alfred Kittner, wie in: Blaueule Leid. Bukowina 1940-1944. Eine Anthologie. Herausgegeben und kommentiert von Bernhard Albers. Rimbaud, Aachen 2003, S. 142f.

Gastveranstaltung

Blaueuleleid

Gedichte aus der Bukowina. 

Gelesen von 
Franziska Bronnen 

Veranstalter:
Dr. Bernhard Albers &
Dr. Reinhard Kiefer Stiftung

Dienstag, 15.05.2018 - 20:00 Uhr

Lyrik-Bibliothek
Amalienstr. 83a
80799 München
(Hinter dem Hauptgebäude der Universität)

Eintritt € 3.