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Held:innen auf Probe
Die Klassiker des Mittelalters neu gelesen Adolf Muschg, Ulrike Draesner und Tristan Marquardt
präsentieren
Wolfram von Eschenbach, "Parzival"

Wolfram von Eschenbach schuf die vielleicht raffinierteste Erzählung des Parzival-Stoffes. In einem Text und einer Sprache, die „Haken schlagen wie ein aufgescheuchter Hase“, erzählt Wolfram vom Weg des jungen Parzival zum Artusritter und Gralskönig, seiner Auseinandersetzung mit Gott und sich selbst. Adolf Muschg (geboren 1934 im Kanton Zürich, Träger des Büchner-Preises und des Grand Prix de Littérature der Schweiz) hat bereits in den 90er-Jahren mit Der Rote Ritter eine facettenreiche Neuerzählung des Parzival vorgelegt, auf die er nun, rund 30 Jahre nach ihrem Erscheinen, neue Blicke wirft.

Die Veranstaltung ist die Fortsetzung der Reihe Held:innen auf Probe, in der Ulrike Draesner und Tristan Marquardt mit ihren Gästen Klassiker des Mittelalters neu lesen.

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Adolf Muschg, geboren 1934 im Kanton Zürich, ist Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler. Neunundzwanzig Jahre lang lehrte er als Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich. Sein literarisches Werk umfasst eine Vielzahl an Erzählungen, Romanen und Gedichtbänden. Neben vielen weiteren Auszeichnungen erhielt Adolf Muschg den Georg Büchner-Preis, den Grand Prix de Littérature der Schweiz und zuletzt den Gottfried Keller-Preis (2019). Bei C.H. Beck erschien von ihm 2022 der Roman Aberleben.

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Ulrike Draesner, geboren 1962 in München, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in München und Oxford und promovierte 1992 mit einer Arbeit über Wolframs Parzival. In den letzten Jahrzehnten publizierte sie sieben Gedichtbände, sieben Romane, mehrere Erzähl- und Essaybände, Hörspiele, Übersetzungen und beteiligte sich an zahlreichen intermedialen Projekten. Seit 2018 leitet sie das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig. Zu den Auszeichnungen, die sie erhielt, zählen: der Große Preis des Deutschen Literaturfonds, der Bayerische Buchpreis und der Deutsche Preis für Nature Writing. Zuletzt erschienen von ihr hell & hörig. Gedichte 1995-2020 (Penguin 2022) und der Roman Die Verwandelten (Penguin 2023).

Tristan Marquardt, geboren 1987 in Göttingen, lebt in München. Er ist Lyriker, Veranstalter zahlreicher Veranstaltungsformate (u. a. der Lesereihe meine drei lyrischen ichs in München), Mitverleger von hochroth München und Mitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13. Von ihm erschienen zuletzt u. a. der Gedichtband scrollen in tiefsee (kookbooks 2018) und ein Beitrag zum Parsifal Kontainer von Alexander Kluge (Spector Books 2020). Unter bürgerlichem Namen (Alexander Rudolph) arbeitet er als Mediävist an der LMU München.

[...] ‚sun, wer hât gesagt
dir von ritters orden?
wâ bist dus innen worden?‘
‚muoter, ich sach vier man
noch liehter danne got getân:
die sagten mir von ritterschaft.
Artûs küneclîchiu kraft
sol mich nâch rîters êren
an schildes ambet kêren.‘
sich huop ein niwer jâmer hie.
diu frouwe enwesse rehte, wie
daz si ir den list erdaehte
unde in von dem willen braehte.
Der knappe tump unde wert
iesch von der muoter dicke ein pfert.
daz begunde se in ir herzen klagn.
si dâhte ‚in wil im niht versagn:
ez muoz abr vil boese sin.‘
do gedâhte mêr diu künegîn
‚der liute vil bî spotte sint.
tôren kleider sol mîn kint
ob sîme liehten lîbe tragn.
wirt er geroufet unt geslagn,
sô kumt er mir her wider wol.‘
ôwê der jaemerlîchen dol!
 

„Mein Sohn, wer hat dir erzählt vom Ritterwesen, wo hast du das erfahren?“

„Mutter, ich habe vier Männer getroffen, die sahen noch lichter aus als Gott. Die erzählten mir von Ritterschaft. Des Artus königliche Kraft soll mich in ritterliche Ehren und zum Schildamt bringen.“

Ein neuer Jammer stand jetzt auf. Die Dame wußte nicht recht wie, doch wollte sie sich eine List ausdenken, um ihn von seinem Willen abzubringen. Der Bub, der noch so dumm und schon so edel war, bat die Mutter immer wieder um ein Pferd. Das wurde ihrem Herzen bald ein wahrer Jammer. Sie dachte: ‚Ich will es ihm nicht verweigern, es muß aber ein ganz schlechtes sein.‘ Da fiel der Königin noch etwas ein: ‚Viele Leute spotten gern. Mein Kind soll Narrenkleider tragen über seinem lichten Leib. Wenn man ihn an den Haaren zerrt und ihn prügelt, so kommt er gewiß zu mir zurück. ‘

Ach, traurig, was er mit sich machen ließ!

Text und Übersetzung nach der Ausgabe: Wolfram von Eschenbach, Parzival. Studienausgabe, 2. Aufl. Mittelhochdeutscher Text nach der sechsten Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung von Peter Knecht. Mit Einführungen zum Text der Lachmannschen Ausgabe und in Probleme der ‚Parzival‘-Interpretation von Bernd Schirok. Berlin/New York 2003, V. 126,6–30.

Held:innen auf Probe

Die Klassiker
des Mittelalters
neu gelesen

Adolf Muschg,
Ulrike Draesner und Tristan Marquardt
präsentieren
Wolfram von Eschenbach, Parzival

Donnerstag, den 09.03.2023
19:00 Uhr

Lyrik Kabinett
Amalienstr. 83a (Haltestelle U3/U6 Universität)
80799 München

Eintritt: € 8 / € 6
Mitglieder unseres Freundeskreises: freier Eintritt
Abendkasse, freie Platzwahl
Die Veranstaltungen sind zeitnah nachzuhören auf www.dichterlesen.net