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Münchner Rede zur Poesie
Oswald Egger:
"Welten von A – Z"

„Es gibt zahllose andere Welten, und weitere, immer noch umfassendere Dinge. Jede Welt in der Welt versammelt buchstäblich Wörter und Sachen, und deren gesamte, wortwörtlich noch so weit entfernte Umgebung bis zum Dort hinaus. Aber weil die Welt ein großes Ding ist (mit viel kleineren Dingen als Teilen), so gibt es – über das Dort hinaus – andere Welten mit anderen Wörtern und Tatsachen. D.h. kein Ding sei, das A und O bleibt (und jedes Gedicht von A bis Z noch weniger): Zwischen ihnen liegen Welten. Und zwar entsteht keine Wirklichkeit zwischen dieser und jeder anderen. Sie liegen nicht weit zurück oder in der Zukunft, und auch nicht nah; überhaupt kein Wort für Wort fällt zwischen einer Welt und den anderen. Welten sind isoliert; und Dinge, wie diese, die zu unterschiedlichen Welten gehören, stehen in keinerlei Wegzusammenhang. Auch verursacht nichts in einer Welt etwas wirklich in einer anderen. Und sie bewirken und überlappen einander nicht; sie haben keine gemeinsamen Teile: Welten ist ein Verb.“ In dieses faszinierende Wortwelten führt die Münchner Rede zur Poesie von Oswald Egger. 1963 geboren in Südtirol, 1986–1995 Veranstalter der von ihm mitinitiierten Kulturtage Lana, über Jahre Zeitschriftenherausgeber (in der edition per procura), seit 2011 Inhaber der Professur „Sprache und Gestalt“ an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel, ist der für sein Werk vielfach prämierte Dichter und Essayist Egger eine der eigenwilligsten lyrischen Stimmen der Gegenwart. 2021 erschien von ihm Entweder ich habe die Fahrt am Mississippi nur geträumt, oder ich träume jetzt (Suhrkamp). Frieder von Ammon, Professor für Neuere Deutsche Literatur in Leipzig, war Initiator der Münchner Reden zur Poesie und ist seit ihren Anfängen einer ihrer beiden Herausgeber.

Dideldum

Drei Wege
weiß ich,
vier Wege
geh ich.

Ich habe die um mein Haus
kegelförmigen
Kehrrichthäufen
einfach dahingezaubert.

Ich meine
im Mai, und wenn
der Roggen eine
Mauer ist, im Juni.

Die Deutung meines
Traumes heute ist,
ich sehe euch, Freunde,
und freute mich.

Oswald Egger, unveröffentlicht

Münchner Reden
zur Poesie

Oswald Egger:
„Welten von A
 – Z“

Einführung:
Frieder von Ammon

Donnerstag, den 25.11.2021
19:00 Uhr

Lyrik-Bibliothek
Amalienstraße 83a / Rückgebäude
80799 München

Abend: € 8 / € 6; Mitglieder: freier Eintritt
Bitte anmelden: info@lyrik-kabinett.de.
Es gilt die 3G-Regel (Zutritt für Genesene, Geimpfte oder Getestete – jeweils mit Nachweis.)

Die Veranstaltung ist zeitnah nachzuhören auf www.dichterlesen.net.