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Zwiesprachen

Clemens J. Setz über William Auld

„Vor Jahren kamen mir durch Zufall einige Verse von William Auld (1924 – 2006) vor die Augen. Damals wusste ich nicht viel über die Plansprache Esperanto. Ich war überrascht, dass ich die Zeilen verstehen konnte. Später las ich, dass Auld in den 90er Jahren und gegen Ende seines Lebens einige Male für den Literaturnobelpreis nominiert worden war. Ich fragte mich, ob es bei der Schwedischen Akademie überhaupt jemanden gegeben hatte, der Esperanto verstand. Die Originalliteratur in Esperanto ist riesengroß – und doch gibt es fast gar keine Übersetzungen ins Deutsche. Es ist eine schöne, reiche Parallelliteraturwelt mit eigenen Avantgarden, Klassikern, Ausreißern, Genies.“ So Clemens J. Setz über seinen Zwiesprachen-Autor. Setz, 1982 in Graz geboren, lebt als Autor von Romanen, Gedichten, Theaterstücken, Drehbüchern und Übersetzungen in Graz. Für sein Erzählwerk wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht: 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, 2015 dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis, 2017 dem Literaturpreis des Landes Steiermark u.v.a. Zuletzt erschien von ihm Bot. Gespräch ohne Autor (Suhrkamp 2018).

MORTANTA FOLIO

Lante falanta
flava foli’
takte baraktas
en agoni’; 

kaj la emajla
flava mort-farb’
ŝminkos la ringan
piedon de l’ arb’. 

William Auld, aus: En barko senpilota. Plena originala poemaro, hrsg. von Aldo de‘ Giorgi (Editstudio, Pisa 1987), S. 204. 

EIN STERBENDES BLATT

Ein langsam fallendes
gelbliches Blatt
das leidend und heftig
gezittert hat

trägt die emailgelbe
Sterbfarbe bald
rund um den Baum auf
wie Make-up im Wald 

Übersetzung Clemens J. Setz

Zwiesprachen

Clemens J. Setz über William Auld

Dienstag, 12.06.2018 - 20:00 Uhr

Lyrik Kabinett
Amalienstraße 83a

Eintritt: € 8 / erm. € 6
Mitglieder des Freundeskreises: freier Eintritt
Abendkasse, freie Platzwahl