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für die Tapferkeit vor dem Freund, /
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse /
und die Nichtachtung /
jeglichen Befehls.

(Ingeborg Bachmann)

Das Lyrische Quartett vom 12.12.2017

Mit Hans Jürgen Balmes

Das Lyrische Quartett war diesmal durch den verhinderten Hubert Spiegel ein Lyrisches Trio, wenn man sich, in Abgrenzung zum vokalen Terzett, für diese Bezeichnung entscheidet. Der erste der besprochenen Bände war nach den narkosen von Paul-Henri Campbell, der im Wunderhorn Verlag erschienen ist. Hans Jürgen Balmes, der die Einführung für Campbells Buch übernahm, sah in dem Band eine “existentielle Zäsur”, die das bisherige Werk des jungen Dichters teile. Damit war das Sesam-Öffne-Dich für die biographische Lesart der Gedichte gesprochen, die in den Augen der Diskussionsteilnehmer*innen v.a. in dem vom Autor selbst verfassten Nachwort angelegt war. Campbell entwickelt darin, in Anlehnung an Judith Butlers Begriff der Heteronormativität, den Terminus Salutonormativität. Die (poetische) Sprache sei eine Sprache der Gesunden. Campbell verarbeitet in seinen Texten seine Erfahrungen mit von ihm selbst durchlittenen Herzoperationen. Diese und andere Erlebnisse im Krankenhaus brächten, so Balmes, seine “poetische Uhr zum Ticken”. Und Maidt-Zinke fügte hinzu: “Jeder, der schon mal operiert wurde, wird beeindruckt sein.” Kessler kritisierte hingegen diese biographische Herangehensweise der Lektüren, die  dazu führe, “dass wir die Texte für ihre Unmittelbarkeit adeln.” Literatur habe das Recht, auch einfach Literatur zu sein. In einem Eingehen auf Campbells Sprache lobte Balmes die Musikalität und Dynamik der Zeilen, ihren “Brentano-Spinnrad-Rhythmus”, und stellte darüber hinaus fest, dass das thematische Spektrum durchaus breiter sei als die Krankenhauserfahrung. Kessler zeigte sich beeindruckt vom Facettenreichtum aufgebotener poetischer Finessen, war sich aber nicht sicher, ob Campbell nicht “zu viele Verfahren im Köcher habe.” 

Der nächste zu besprechende Band sollte Christoph Meckels Kein Anfang und kein Ende (Hanser 2017) sein, den der abwesende Hubert Spiegel vorgeschlagen hatte. Das Buch besteht aus zwei längeren, narrativen Poemen – eine Tendenz, die Kessler in den vorher verstreut erschienenen kürzeren Texten des Autors bereits angelegt sah. Meckel habe sich an diese Form herangearbeitet. Das erste Poem schildert die Reise eines jungen und eines älteren, blinden Mannes. Kessler sieht in der Anlage und sprachlichen Ausgestaltung einen “Modus der Welterfassung”, der einlädt, “die Welt noch einmal zu sehen.” Der junge Mann schildert dem älteren das, was sie beide vor Augen haben, in einer Art phänomenologischen Akt. Balmes verwies auf den Namen des Erzählers (Maurice Hauser) und leitete daraus ab, das Poem sei gleichsam “durch die Kaspar-Hauser-Linse” erzählt und füge Stammeln zu Sprache. Das Ganze erinnere an eine hypothetische Zusammenarbeit von Beckett und Buster Keaton. Maidt-Zinke stellte den “zwanglosen Wechsel zwischen Mythos und Jeep” heraus, was einen “gewissen Horizont” voraussetze, aber niemals “protzig” wirke. Balmes führte das auf die “unheimliche Gelenkigkeit der Sprache” zurück, in der Diversität amalgamiert werde.

Maidt-Zinke stellte als drittes Buch des Abends Matthew Sweeneys Hund und Mond vor. Ebenfalls im Hanser Verlag erschienen. Die Gedichte des hierzulande nicht sehr bekannten, irischen Autors wurden von Jan Wagner ausgewählt und ins Deutsche übertragen. Diesmal hielt sich die Diskussion eng an das projizierte, titelgebende Gedicht Hund und Mond, in dem ein Hund versucht, den Mond zu erhaschen, was ihm freilich nicht gelingt. “Für mich hat diese Geschichte etwas mit der conditio humana zu tun”, stellte Maidt-Zinke in den Raum. Balmes erinnerte das Gedicht an den sagenhaften Tod des chinesischen Tang-Dichters Li Bai, der bei dem Versuch, das Spiegelbild des Mondes zu umarmen, im Teich ertrunken sein soll. Im Vergleich zu den Gedichten seines berühmten Landsmanns Seamus Heaney, füge Sweeney oft noch ein phantastisches Element hinzu. Kessler sah in diesen “Hinzufügungen” eine zentrale Vorgehensweise der Gedichte und hob die Einfachheit der Sprache, sowie die “Seelenverwandtschaft zu Jan Wagner” hervor: Die Gedichte seien so etwas wie “poetische Keime”: “umstürzlerisch auf bescheidene Weise”.

Zum Abschluss des Quartetts stand aus aktuellem Anlass das Gedicht „avenidas“ von Eugen Gomringer im Mittelpunkt der Besprechung. Ein Meilenstein der konkreten Poesie, der in diesem Sommer Anstoß für eine kontroverse Debatte bot, die in sämtlichen Medien ausgetragen wurde (vgl. etwa hier mit weiterführenden Links). Florian Kessler betonte, es sei nicht Ziel des Haltbarkeitstests dieses Abends, die Debatte nachzuerzählen, wobei er begrüßte, dass es zu dieser gekommen sei. Dem Gedicht, das auf einer Fassade der Alice-Salomon-Hochschule angebracht worden war, wurde seitens einiger Student*innen Sexismus und die Reproduktion patriarchaler Kunsttradition vorgeworfen. Kessler unterschied in seiner Einführung klar zwischen der Bedeutung des Gedichts (nach Gomringer vielmehr eine “Konstellation”) für die Literatur der Nachkriegszeit und der aktuell geführten Debatte. “Literarische Öffentlichkeit macht nichts anderes als pausenlose Haltbarkeitstests”, fügte Kessler hinzu. Damit schlug er den Bogen auch zu dieser Podiumsdiskussion. Balmes betonte, dass er die Sprache des Gedichts als “sehr zärtlich, nicht machistisch” empfinde. Die unterschiedlichen Positionen des Trios fanden Entsprechung in der regen Diskussion, die auf das Publikum ausgeweitet wurde und die Aktualität der Debatte noch einmal zeigte.

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